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Modern gesprochen beschäftigt sich Philipp Otto Runge mit den Schnittstellen zwischen der reinen Vorstellungswelt und ihren Erscheinungsformen. Literatur, Musik und Bildende Kunst der Romantik sind darauf ausgerichtet. Man bewegt sich auf dem »Grenzgebürge der Welt«, lotet Abgründe aus und sucht natürliche Erscheinungen, die auf diese in sich geschlossene Vorstellungswelten verweisen: Regenbogen, Wahnsinn, Traum. Die Erscheinungen werden protokolliert, analysiert, interpretiert. Um Träume analysieren zu können, muß man sie aber zuerst geträumt haben und den einzelnen Traum Anschauung werden lassen, indem man ihn darstellt. Philipp Otto Runge hat zwei Träume ins Zentrum seines Schaffens gestellt. Der Maler Runge träumt den Traum vom ewigen Kreislauf des Tages, der in seiner Selbstverständlichkeit die Summe der Wesenheiten der Welt enthält. Man muß nur genau genug hinschauen, dann spiegelt sich in der Regelhaftigkeit eines Tageszyklus die Ewigkeit in ihrer Vielfalt und Schönheit. Der Wissenschaftler Runge träumt den Traum, die Farben dieser Welt in einer Welt der Farben zusammenzufassen. Die Farben träumt er nicht mehr in ihrer Zuordnung zu den Dingen, die sie tragen, die Farben bilden in diesem Traum eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen, die auf sich selbst und aus sich selbst heraus wieder auf die Welt verweisen. Der Regenbogen verbindet die Farben der Welt mit dieser neu geschaffenen Vorstellungswelt der Farben, die Kugel beherbergt sie. Und hier manifestiert sich schon die oben dargestellte Problematik des Bemühens, denn die reine Vorstellungswelt bedarf einer Anschauung, damit sie als Vorstellung vermittelbar wird. Damit ist aber die Vorstellung Anschauung geworden, denn nun entscheidet die Sinnlichkeit über den Sinn. Kaum ist der Traum geträumt, wird er zu Philosophie, denn die Fragestellung, die er aufzeigt, gehört zu den entscheidenden unserer modernen Kulturgeschichte: das Verhältnis zwischen Sinn und Sinnlichkeit. Wir betrachten die Farbenkugel, die Runge von Hand koloriert hat und sind berührt von der sinnlichen Kraft dieser Darstellung. Die Vorstellung, die die Darstellung meint, rückt in den Hintergrund, wir müssen uns zuerst von der sinnlichen Wirkung losreißen und auf die abstrakte Fragestellung eintreten, um zum Sinn der Darstellung zurückzukehren. So wie es uns nicht gelingt, die Grenze zwischen zwei komplementären Farbfeldern scharf wahrzunehmen, sind wir auch nicht in der Lage, Sinn und Sinnlichkeit in ihrer Gleichzeitigkeit zu synchronisieren. Die Vorstellung ist solange Vorstellung, wie sie nicht Anschauung wird. Der Anschauung mag noch eine Vorstellung zugrunde liegen, sie ist aber transformiert und dieser Prozeß bestimmt jetzt ihren Charakter: das System kann nicht System bleiben, denn es vermittelt sich nur über den Verweis, der seine Eigenart zerstört. Das ist das zentrale Thema der Computer-Animation, die wir realisiert haben. Wenn man den Ausführungen von Philipp Otto Runge in seiner Schrift aus dem Jahre 1810 folgt, handelt diese vor allem von der Hülle und dem Zentrum seiner Kugel. Diese wird auch in den Darstellungen nebst den beiden Schnitten durch das Zentrum prioritär behandelt. Auch die erläuternden Zeichnungen handeln das Thema über die Oberfläche der Kugel ab, hier finden sich die für Runge wesentlichen Elemente seiner Betrachtung über die Farbe: modern gesprochen Komplementarität, Kontrast, Sättigung und der für ihn wesentliche Bezug zu den Farben des Regenbogens. Jede Durchdringung der Kugel führt bei Runge an die Oberfläche zurück, das durchdrungene Zentrum nennt er bezeichnenderweise »völlig gleichgültiges Grau«. Der weitaus größte Teil des geographischen Raumes, den Runge als Herberge für die Farben dieser Welt benennt, thematisiert er eigentümlich marginal. Der berühmte Satz der Romantik, der Weg sei das Ziel, wird hier für einmal nicht berücksichtigt. Mit dem Inneren der Farbenkugel tut sich Runge schwer. »Die Figur des Verhältnisses« könne sich, wie er schreibt »nur in den undurchsichtigen Farben offenbaren«. Die Kugeloberfläche eignet sich für die Auseinandersetzung mit diesen undurchsichtigen Farben sehr gut. Allerdings stellt schon die Kolorierung der zwölf Farbsegmente längs des Äquators den Künstler vor unlösbare technische Probleme, weil er die notwendigen Farbnuancen nicht herstellen kann. Runge schreibt: »Wie ich denn auch nicht zweifle, daß man nach diesem Schema, sich die auf willkührliche Weise zwölffach eingetheilte Oberfläche leicht als einen völligen Übergang wird denken können«. Da man die Übergänge nicht sehen kann, muß man sie sich denken. Wieder prallen die beiden Welten aufeinander, die eine Bruderschaft behaupten, die nie ganz einlösbar wird. Die wirklichen Probleme stellen sich aber unter der Oberfläche, im offenen Raum der Kugel. Wie soll dieser Raum Anschauung werden? Runge hat das Problem natürlich erkannt und auch versucht, es zu lösen. Ihm schwebte vor, eine zweite Kugel zu konstruieren, die aus transparenten Farben bestehen sollte. So hätte zwar das Licht den Raum erhellt und die Farben zum Leben erweckt, der Betrachter würde sie aber doch nie sehen können, da sie sich - wie Runge selber erkennt - in der Summierung auflösen und zu einem tiefen Grauton verschmölzen. Modern gesprochen scheitert Runge in dem Versuch, das subtraktives Prinzip der undurchsichtigen Farben in der dritten Dimension darstellbar zu machen und erfindet gleichzeitig das additive Prinzip, das zwar raumtauglich ist, in dem aber das Nebeneinander der Farben nicht erhalten werden kann, es erzwingt das Durcheinander. »Durchsichtig und undurchsichtig haben ein Verhältnis gegeneinander wie Ideales und Reales, [...] wie das Daseyn zum Begriff«. Daraus folgt: Das Ideal ermöglicht die Anschauung, zerstört aber dadurch die Vorstellung, die Realität erlaubt keine Anschauung, beläßt aber damit die reine Vorstellung. Die CD-ROM zeigt eine Farbenkugel ohne Hülle. Wir beschränken uns konsequent auf den Innenraum, die Hülle wird als Gitterstruktur lediglich ahnbar gemacht. Die Arbeit setzt dort an, wo ihr geistiger Urheber die Mittel nicht mehr zur Verfügung hatte, weiterzufahren. Uns ist es möglich, den Innenraum virtuell erfahrbar zu machen. »Virtuell« meint in diesem Zusammenhang, daß wir die Parameter dieses Innenraumes frei bestimmen, vor allem aber auch jederzeit verändern können. Wir sind nicht gezwungen, transparente Farben zu nehmen, die Computer ermöglichen, undurchsichtige Körper in dem Raum zu positionieren, die sich nicht behindern. Wir sind dazu in der Lage, weil wir gleichzeitig ein Licht setzen können, das keine Quelle hat. Damit können Materialität und Licht zusammengeführt werden, wie das die reine Vorstellungswelt des Farbmodells erfordert, wenn es Anschauung werden soll. Diese Anschauung entlehnt gewissermaßen der realen Welt die notwendigen Instrumente (Form, Materialität, Farbe, Licht, Perspektive) und setzt diese wie ein Puzzle so zusammen, wie dies die Vorstellungswelt der Farbenkugel erfordert. Wir werden also bei der Betrachtung nur noch bruchstückhaft an Natur erinnert, wir spüren aber immer, daß dies nicht Natur ist. Ein Bild will betrachtet, der Raum muß begangen werden. Die Virtualität erlaubt nicht nur eine freie Collage von Naturelementen, sie erlaubt auch die Bewegung innerhalb dieser Collage. Der Innenraum ist nicht statisch, er wird dynamisch. Was bei Runge marginalisiert wird, rückt nun ins Zentrum: die Fahrt durch den Farbenraum, das Verweilen an ausgesuchten Aussichtspunkten. Jetzt wird der Weg zum Ziel, flanierend erfährt der Betrachter die Welt der Farben, wohingegen die Vorstellung der Kugel eine statische ist, die Vorstellung einer Geographie der Farbe. Das heißt, wir betrachten diese Vorstellungswelt wie eine Karte, suchen und definieren Orte und weisen diesen Orten Farben zu. Hierbei denken wir nicht an die Bewegung im Raum, unser Denken ist hier überfordert, vor allem aber auch auf eine andere Fragestellung konditioniert. Auch in einem zweiten Punkt stimmt der Rückgriff auf den Begriff des Flaneurs, denn wir haben auch keine Vorstellung von dem Sinn dieser Bewegung im Farbenraum. Bevor wir auf die Frage eintreten, welche Bedeutung einem virtuell begehbaren Farbenraum denn zukommen könnte, wollen wir uns vorerst mit der Machart dieses Raumes befassen. Die geometrischen und mathematischen Fragestellungen, die sich bei der Herstellung gezeigt haben, verweisen auf die Bedeutung des Projektes an sich. Der virtuell begehbare Farbenraum mußte konstruiert werden. Der Mathematiker und Künstler Urs Beat Roth hat den mathematischen Raum, der Vorausetzung für Möblierung und Animation ist, erfunden und konstruiert. Die grundsätzliche und wichtige Frage war, ob für die Raumstruktur die sphärische Struktur von Runges Modell übernommen werden oder durch eine kristalline ersetzt werden sollte. Wir haben uns für eine kristalline Struktur entschieden, weil diese für die Durchdringung der Kugel gerade in der Farbenordnung von Runge wesentliche Vorteile bot. Der Raum mußte intelligent gefüllt werden, denn einerseits bedarf es der Körper, die die Farbe des jeweiligen Ortes tragen, andererseits muß der wesentliche Teil des Raumes frei bleiben, um bei den Fahrten Durchblicke zu gewähren, die ein möglichst spannendes Raumerlebnis garantieren. Es wäre naheliegend gewesen, eine kubische Struktur zu wählen. Die Farbenlehre von Runge gründet auf drei Grundfarben: Rot, Gelb und Blau. Sie sind auf dem Äquator der Kugel im Kreis angeordnet, bilden also zwischen den einzelnen Grundfarben einen Winkel von 120 Grad. Dieser Winkel ist das zentrale Grundmaß für die Gestaltung einer räumlichen Struktur der rungeschen Farbenkugel, die Raumstruktur muß dieses Maß aufnehmen. Stellt man einen Kubus auf eine Ecke, ist das Ziel schon erreicht. Die Achsen, die entstehen, wären zwar der Bedingung des Winkels von 120 Grad gerecht geworden, das Modell hätte sich aber hier schon erschöpft. Das erschien Urs Beat Roth zu langweilig, er suchte nach einer komplexeren Struktur, die mehr Möglichkeiten der Achsenbildung bietet. Der geniale Ansatz wurde in der Badewanne entwickelt. Der Mathematiker stellte fest, daß der Badeschaum jene geometrische Struktur aufweist, die er suchte: das Rhombododekaeder. Die einzelnen Bläschen des Schaumes stoßen aneinander, der Druck kantet die Kugeln zu einer geometrischen Form ab, die eben »Rhombododekaeder« genannt wird. Der Badeschaum gewährt aber keine Durchblicke, da die Bläschen bekanntlich aneinanderstoßen. Hier beginnt nun auch endgültig die Welt der Virtualität, denn nur in dieser Welt ist das möglich, was zur Lösung des Problemes geführt hat: Urs Beat Roth erzeugte rechnerisch einen virtuellen Schaum, bestehend aus unzähligen Rhombododekaedern und ließ in einem zweiten Schritt jeden einzelnen Körper um den Faktor 0.5 schrumpfen. Dadurch entsteht jener Zwischenraum, den der begehbare virtuelle Farbenraum braucht, um navigierbar zu werden. Jetzt ist nur noch 1/8 des Raumvolumens gefüllt durch die darin positionierten Körper, 7/8 werden zu Zwischenräumen. Diese Zwischenräume bilden ein faszinierendes System von verschiedenen Kanälen, die sich zwischen den Körpern öffnen. In vier Richtungen öffnen sich dreieckige Kanäle, in drei Richtungen viereckige Kanäle und in 13 Richtungen öffnen sich durchsichtige Ebenen. Wenn wir diese Struktur der Durchsichten vergleichen mit jener, die sich in einer kubischen Struktur ergeben hätte, liegen dazwischen Welten. Der schwierigste Teil der Arbeit war aber, die Anzahl der Rhombododekaeder zu bestimmen, die das Volumen der Kugel füllen sollten und diese so zu positionieren, daß die Kugelstruktur über die Lage der Körper entsteht. Die Rahmenbedingungen für diese Phase der Arbeit waren so komplex, daß nur ein intuitives Vorgehen möglich war. In vielen Versuchen wurde beschnitten, positioniert, eliminiert, zugefügt, weggelassen, bis eine taugliche Lösung gefunden wurde. 321 Körper bilden das Volumen der virtuell bebehbaren rungeschen Farbenkugel. Die vielen und komplex angelegten Achsen verlaufen in einer konsequenten Ordnung vom Mittelpunkt der Kugel aus. Für die CD-ROM sind wir von der bestehenden Farbenkugel von Philipp Otto Runge ausgegangen. Wir haben seine Vorstellung einer Farbenordnung studiert, haben seine Anschauung betrachtet. Dann aber folgt der entscheidende Schritt: wir haben sein Schema der Beschreibung nicht übernommen, haben eine eigene Beschreibung erfunden. Runge wählt ein sphärisches Modell, der denkt sich die Kugel vor allem als Hülle, mit dem Volumen gerät er in Schwierigkeiten. Er schneidet die Kugel zwar in den Hauptrichtungen und zeigt die Verläufe, der Rest wird dem Denken überlassen. Wir gehen von anderen Prämissen aus. Uns interessiert das Volumen der Kugel, die Hülle lassen wir weg. Aber auch wir tappen in die Falle des amorphen Raumes, denn wenn die Kugel als mit Farbe gefüllter Raum angenommen wird, bedeutet eine Fahrt durch diesen Raum ein Vortasten in eingefärbtem Nebel, es wird keine Anschauung möglich. Wir vollenden Runge, indem wir hier eine Lösung anbieten, wir widersprechen ihm, indem wir aus der sphärischen Struktur eine kristalline formen, die diesen Innenraum als Raum erfahrbar macht. Damit lösen wir das problematische Verhältnis zwischen Vorstellung und Anschauung nicht auf, wir verlagern es lediglich. Gleichzeitig ermöglicht uns aber die Virtualität des Mediums, die Parameter dieses kristallinen Raumes permanent zu ändern. Wir können neue Körper erfinden, die den Raum möblieren, wir können deren Größe variieren, die Positionen, die Farbverläufe, die Materialität. Es geht also unvermittelt nicht mehr um das, was Runge sich gewünscht hat - den Raum der Kugel der Anschauung zugänglich zu machen - dieser Raum wird zu einer unbegrenzten Anzahl von Räumen, die Anschauung zu Anschauungen. Das Thema der Veranschaulichung bekommt eine völlig neue Qualität und verselbständigt sich gewissermaßen. Das bereitet große Lust bei dem Entwurf und spannende Erfahrungen bei der Betrachtung. Philipp Otto Runge hat eine grundsätzliche Frage gestellt und nach einer Veranschaulichung gesucht, um darin die Antwort zu entdecken. Wir bieten unbegrenzt Veranschaulichungen, ohne uns für eine Antwort verantwortlich zu machen. Auf die Diskussion sind wir aber gespannt. |